die originale bdp-fliege

ich war gestern in seedorf. in der propevollen mehrzweckhalle. geladen hatte die bdp des kantons bern, um rückschau zu halten auf die wahlen.

zur eröffnung meiner analyse in referatsform outete ich mich: ich sei im zweifel gewesen, welche fliege ich heute tragen solle. zum beispiel meine eintagsfliege, denn viele glaubten nicht, dass die bdp eine zukunft habe. und wer meint, das sei der fall, sehe momentan vor allem das cvp-schwarz. doch trug ich auch meine trauerfliege nicht, sondern eine gelb-schwarze. die hatte ich vor 5 wochen an, als ich, in einem anflug von politischer naivität, in st. gallen einen vortrag zu den wahlen hielt, und das svp-nahe publikum eine politische botschaft dahinter witterte, die ihr gar nicht gefallen wollte. seither weiss ich, die fliege kann ich nur noch bei der bdp tragen.

meine botschaft vor der gestrigen mitgliederversammlung war klar: mit 5 prozent kann man national wahlsieger sein. wenn eine dreijährige partei das schafft, muss man ihr zu allererst respekt zollen. profitiert hat die bdp von der unzufriedenheit im regierungslager, bei svp, fdp und sp, die zu überzeichneten polarisierungen neigten. gewählt wurde die bdp wegen eveline widmer-schlumpf, den kandidatInnen und der grundhaltung. harmonisierung sei heute angesagt. übervertreten ist die bdp bei den rentnerInnen und der landbevölkerung. im wahlkampf gelang es ihr aber, in den städten, bei jungen und frauen einen gegenpunkt hierzu zu bilden. zu den schwächen der partei gehöre das noch weitgehend fehlende themenprofil. daran müsse die bdp arbeiten, wolle sie sich über die gründungskantone, zürich und aargau hinaus nahmhaft ausdehen.
meine zweite botschaft war weniger optimistisch. denn auch mit fünf prozent wählendenanteil ist man in der bundespolitik ein non-valeur, riskiert man unterzugehen. ein anspruch, eine regierungspartei zu sein bestehe nicht. die grosse herausforderung sei, auch bei den anstehenden bundesratswahlen einen erfolg verbuchen zu können. gesichert sei da nichts. auf kantonsebene könne ich dem alleingang der neuen kraft einigen sinn abgewinnen, auf bundesebene sei das aber harakiri. oder anders gesagt: es brauche keine fusion mit der cvp, aber eine fraktionsgemeinschaft der neuen mitte, bestehend aus der cvp, der bdp und der evp. zusammen gibt das 20 prozent-wähleranteil und die fraktion dürfte, im national- und ständerat zusammen, die zweitgrösste unter der bundeskuppel sein. der anspruch auf zwei bundesrätinnen sei so gegeben.

hans grunder, der protagonist des alleingangs auch auf bundesebene, sass im publikum, verliess die versammlung aber vorzeitig. der spitzbube habe die botschaft gehört und die auseinandersetzung gefürchtet, bekam ich zu hören. schade, sage ich da, denn in den vielen diskussionen beim apéro mit den normalen bdp-leuten spürte ich die mischung aus zuversicht und nachdenklichkeit. man freut sich über den tollen wahlsieg, stellt sich aber sehr wohl die frage, wie man die erhaltene kraft ins bundesparlament einbringen wolle. der moment sei fantastisch, die zukunft tatsächlich ungewiss.

gefreut habe ich mich, dass auch die bdp auf meine fliegen-frage aufmerksam geworden ist. denn ich erhielt die erste, einzige und originale bdp-fliege geschenkt. ein solches unikat ist natürlich viel wertvoller als das übliche honorar. ironie der geschichte ist, dass es ist meine 124. fliege ist – genau die zahl, die eveline widmer-schlumpf am 14. dezember braucht, um bundesrätin zu bleiben.

mauluege!

stadtwanderer