ganz bewusst habe ich die vorhergehende geschichte den „berner modefrauenstreit“ genannt und nicht den „berner twingherrenstreit“. unter diesem namen wäre das gleiche ereignis von 1470 jedoch viel bekannter gewesen. aber eben: es fasst nur die hälfte der geschichte im titel zusammen. deshalb habe ich mit den unbekannteren teil begonnen, und schiebe jetzt noch den bekannteren nach.


gesellschaft zum distelzwang: 1470 der sammelort der edlen twingherren, bis heute eine leicht geheimnisvoller treffpunkt

twingherren: die schwindende macht der feudalherren im spätmittelalter

in der feudalen gesellschaft waren twingherren jene adeligen, welche die untertanen zu verschiedenen leistungen aufbieten – und im falle einer widerhandlung eine busse kassieren – konnten. dabei ging es um steuerleistungen, gerichtstage, kriegsdienste, waffenschauen und transportleistungen.

normalerweise waren das weltliche oder kirchliche herren auf dem lande: landgrafen oder freiherren auf der einen seite, klöster mit ihren abten oder prioren auf der anderen seite. doch in bern war das anders: die twingherren sassen in der stadt. sie hiessen von bubenberg, von scharnachtal und von diesbach. und sie waren mächtig, denn sie dominierten die politik des kleinen rates, der täglich über stadt und land regierte. in der regel war einer von ihnen auch schultheiss.

doch ihre macht schwand im 15. jahrhundert. der grosse rat strebte danach, die adeligen twingherren in die schranken zu weisen. im prozess der bildung geschlossener territorien, in dem man sich befand, sollten die rechte nicht mehr an persönliche bindungen, sondern an staatliche zugehörigkeiten gebunden werden.

dass bei den osternwahlen 1470 peter kistler gewählt werden konnte, hatte mit einer der typischen uneinigkeit im stadtadel zu tun: gleich vier edle kandidaten bewarben sich um das amt des stadtherren und nahmen sich so wechselseitig die stimmen weg. so war kistler, ebenfalls kandidat, aber aus den reihen des gewerbes, am 23. april 1470 der lachende fünfte.

die folgen kennen wir: mit dem kleidermandat suchte der grosse rat, der die wahl kistlers vorgenommen hatten, dem stadtadel noch eins auszuwischen. doch im hintergrund ging es aber um mehr: um die macht der stadt über das land, und um die verteilung eben dieser macht in der stadt. es standen sich das bürgertum und der stadtadel gegenüber. dieser beharrte auf die hergebrachten rechte, jener bestand auf neuen. der unübersichtliche verband des feudalstaates sollte vereinfacht werden: die stadt, nicht der adel sollte herrschen!

der stadtadel nahm die herausforderung voll auf. nicht nur während der messe im münster liess man die situation eskalieren. auch politisch legte man ein paar holzscheit zu: zuerst boykottierte der adel die ratssitzungen. dann drohte er mit der aufgabe des bürgerrechtes und dem wegzug aus bern. ferner übte er wirtschaftliche pressionen auf das handwerk aus, und schliesslich mobilisierte der landadel seine untertanen in der bauernschaft gegen das bürgertum. kistlers mannen ihrerseits waren bestrebt, den kleinen rat zu schwächen und den grossen rat zu stärken, übten sich in disziplinierter teilnahme an den ratssitzungen und pochten auf die einhaltung des mehrheitsprinzips, das ihne im grossen rat knapp zu recht verhalf.

stadtbürgertum: die kommende macht im frühneuzeitlichen territorialstaat

wer im berner twingherrenstreit wirklich gewann, war lange umstritten. klar war nur, dass das kleidermandat zurückgenommen wurde. ebenso klar war auch, dass die twingherren auf einen teil ihrer rechte verzichteten. doch in der gewichtung neigte man zwischen adeliger und bürgerlicher parteinahme.

den zeitgenossen blieb vor allem der triumphale einzug der zurückgeholten ritter in die stadt. sie galten als die eigentlichen sieger im machtkampf mit peter kistler. doch sie sollten sich schon bald in allianzfragen zerstreiten. ab 1471 stellten sie erneut den schultheiss, peter kistler erleichterten sie den abgang als schultheiss durch die aufnahme in die edle gesellschaft „zum distelzwang“.

der zurückgekehrte adel fand aber nicht zu seiner alten stellung zurück, denn die alten eliten um adrian von bubenberg, anhänger der burgunderpartei, waren substanziell auf die einnahmen aus den twingherrschaften angewiesen, während die neue eliten im stadtadel um wilhelm und niklaus von diesbach, welche die franzosenpartei anführten, vor allem vom fernhandel lebten, und die abtretung von rechten an die stadt besser verkrafteten.

aus heutiger sicht fällt denn die würdigung des twingherrenstreites von 1470 eindeutiger aus: roland gerber, der die soziologie der berner gesellschaft im 15. jahrhundert erforscht hat, kommt zu folgendem schluss der umwälzungen: „obwohl es in bern im unterschied zu den meisten grössereen städten oberdeutschlands und der heutigen schweiz bis zum ende des mittelalters zu keiner in der stadtverfassung garantierten beteiligung der zünfte an den ratswahlen kam, entwickelten sich diese auch in der aarestadt zu den sozialen, ökonomischen und politischen grundeinheiten der stadtgemeinden. in den vier vennergesellschaften und der von den adeligen twingherren gegründeten herrenzunft zum distelzwang sassen im 15. jahrhundert zahlreiche vermmögende ratsherren, die die zunftmitgliedschaft als ausgangspunkt für eine ämterlaufbahn innerhalb des regiments nutzten.“ und diese führte in den grossen und in den kleinen rat, und nach der reformation als landvögte berns in eine der alten twingherrschaften: nun aber als abgesandte des staates bern!

der twingherren und frauenmodestreit: beginn der politischen theoriebildung

der ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle konflikt in der stadt bern, der 1470 aufschimmerte, hinterliess in der im 15. jahrhundert entstehenden geschichtsschreibung in bern einen tiefe spur: stadtschreiber thüring fricker verfasste eine nach allen regeln der rhetorischen kunst aufgebaute, selbst literarisch bedeutsame darstellung, nahm aber einseitig für die twingherren stellung. bendicht tschachtlan, der als chronist auf fricker folgte, korrigierte das bild und hob die argumente des bürgertums stärker hervor. diebold schilling schliesslich, der im letzten viertel des 15. jahrhunderts die offizielle stadtgeschichte schrieb, nahm die kritiken am adel wieder um einiges zurück.

die geschichtsschreibung, die in bern mit der chronik von conrad justinger 1420 begonnen hatte, wurde so zum politischen instrument. das blieb nicht ohne folge: thüring fricker entwickelte in seiner darstellung eine erste theorie des regierens im spätmittelalter, die den exemplarischen konflikt zwischen stadtadel und bürgertum im süden des zerfallenden heiligen römischen reiches beleuchtete!

„schein und sein“, „haute couture und hohe politik“ „laufsteg und karriereleiter“ waren schon im 15. jahrhundert eine symbiotische beziehung eingegangen, die man erst versteht, wenn man sich mode und politik, glamour und macht in verbindung ansieht.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. studi (bärn, hist. institut) on April 2, 2007 19:12

    dieser frickert wurde von der stadt bern nach bologna geschickt, um recht zu studieren. das tat er: er kam zurück und stellte die gesamte berner stadtverwaltung auf den kopf und steigerte die effizienz nachhaltig.

  2. stadtwanderer on April 3, 2007 08:57

    danke, studi (bärn, hist. institut). weisst du noch mehr, darüber, was genau der fricker gemacht hat. würde mich interessieren. schreib doch was spannendes darüber, und ergänze meinen beitrag!

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