im spätherbst werde ich mit der versammelten berner kantonsregierung stadtwandern. sofern …

andreas rickenbacher, berns volkswirtschaftsdirektor, war einst mein erster fester mitarbeiter beim gfs.bern. später stieg er in die politik ein, wurde rasch sp-fraktionspräsident im grossen rat (parlament), und seit 2006 ist er teil der berner regierung.

als ich meine stadtwanderungen entwickelte, gehörte er zu meinen frühen “versuchskaninchen” und begleitete mich bei meinen ersten historischen gehversuchen durch berns kapitale.

nun wird andreas rickenbacher, wenn alles gut geht, diesen sommer zu berns regierungspräsident gewählt. da gehört es sich, dass die anschliessende regierungsklausur in der wohnregion des geehrten stattfindet. in diesem falle im seeland.

andreas hat sich an unsere gemeinsame zeit zurückerinnert, und mich eingeladen, für den fall der fälle über eine geeignete “stadtwanderung” mit seinen regierungskollegInnen nachzudenken.

mache das gerne, und sehe, falls es soweit kommen sollte, drei stichworte vor, die ich der berner regierung auf den weg mitgeben möchte:

erstens, das eigenleben des grossraumes biel/bienne, der lange nicht zu bern gehörte und bis heute ein urbanes gegengewicht zur kantonshauptstadt ist,
zweitens, der plurikulturelle raum, durch dessen mitte seit der völkerwanderung die sprachgrenzen geht, an der die stadt biel/bienne ein löblich brückenfunktion wahrnimmt,
und drittens die geopolitische lage des raumes, der seit menschengedenken verkehrspolitisch wichtig ist, spätestens seit dem hochmittelalter durch konkurrierende verkehrswege geprägt wird. bis in die heutige zeit …

so sollen, im erwartbaren falle, unsere regierungsmitglieder, meist mit dem tagesgeschäft beschäftigt, in die grösseren zusammenhänge der raumzeit-geschichte eingeführt werden.

detailplanung im sommer …

stadtwanderer

es war, als läge die ruhe selbst über dem dorf. denn das präsentierte sich, wie wenn alles und jedes von der innerlichkeit leben würde, welche die gegend seit 5 jahrhunderten prägt. – bis die örtliche musikgruppe, die sich in der kirche versammelt hatte, zur grossen probe aufspielte. die eingangstüre war sperrangelweit offen, sodass der sound der zahlreichen bläser und geiger unüberhörbar in die gegend drang.

1. mai 2012 in sigriswil: was für ein erlebnis!

sicher, sozialistisches war in der svp-burg am rechten ufer des thunersees nicht zu finden. das überlässt man ganz den städtern, in paris oder zürich. hier ist man heimatverbunden, diszipliniert und kraftvoll.

in sigriswil gibt es dafür burgund(t)ergründe. denn vor tausend jahren war man an den gestaden des thunersees teil des königkreichs (hoch)burgund, dessen zentrum das kloster st. maurice im heutigen wallis lag. die lebensweise der mittelalterlichen burgunder war imperial – römisch geprägt, in der katholischen form der damaligen zeit. der 1. mai war der gedenktag von könig sigismus, der im 6. jahrhundert das hauskloster der burgunderkönige durch schenkungen zum führenden kleinod in den alpen gemacht hatte.

seither haben sich nicht nur die zeiten geändert. von der burgunderkirche in sigriswil ist nur der platz übrig geblieben. die herrschaft wechselte im 11. jahrhundert. das rechte aareufer, und damit auch sigriswil, kam zum herzogtum schwaben, wo sich das südschwäbische haus kyburg immer mehr ausdehnte und die alemannische mentalität aufleben liess. 1347 erhielt man die unabhängigkeit vom adel verbrieft, wie das gemeindegewölbe, ein kleines gedenkhaus mitten in sigriswil, bis heute bezeugt. der freiheitsbrief von damals ist programm geblieben: für die eigene sache einstehen und sich von niemanden einnehmen lassen, ist das motto lebensmotto der sigriswiler.

das siegel der kyburger ist erhalten geblieben, nicht aber das von thun und bern. das ist fast schon symbolisch, denn faktisch ist man mit dem auftrebenden aaretransithandel im spätmittelalter mindestens administrativ in den einflussbereich der beiden nahegelegenen zentren geraten. die reformation hat man entsprechend mitgemacht, das strenge stadtleben gegen das freie vom land eingetauscht. im 17. jahrhundert hat man dafür den stolzen landmann, den bauern, den gewerbler und später auch der touristiker als gegenfigur wieder aufleben lassen. so ist sigriswil bis heute ein zentrum der schweiz, die auf sich bezogen und abgegrenzt von allem urbanen lebt. karl howald, der legendäre pfarrer im 19. jahrhundert – ein hervorragender kenner der berner brunnen, aber auch ein propagandist der konservativen lebensweise – wirkte nicht zufällig in der kirche von sigriswil.

die wikipedia erwähnt howald als einen den berühmten männer aus dem dorf. adrian amstutz, der jetzige fraktionschef der svp unter der bundeskuppel, der vehement gegen die personenfreizügigkeit kämpft, gehört auch dazu. seine politkarriere begann, kurz nach der denkbwürdigen ewr-entscheidung, mitten in sigriswiler baugewerbe.

nicht zu den grossen sigriswilern zählt selbst die ubiquitär ausgerichtete wikipedia george gallup. obwohl der erfinder der opinion polls vor amerikanischen präsidentschaftswahlen (und damit ein weiter “vorfahre” von mir …) in sigriswil seinen lebensabend verbracht hatte. genug vom lob für seine legendäre prognose von 1936, aber auch für die kritik wegen seiner fehlentschätzung 1948 hatte er sich der demoskopie-professor nach seiner pensionierung in die schweiz zurückgezogen. seine ruhe fand er im tschingel, einem flecken, der zu sigriswil gehört. da studierte der neugierige, wie direkte demokratie funktioniert, die lokale politik stärkt, aber auch die abgrenzung fördert.

gallup verstarb am 26. juli 1984 er in seinem sigriswiller wohnhaus. die geschichte zwischen ihm und seinen mitbewohner sollte ein unglückliches ende nehmen. dem kauzigen amerikaner, der die stichprobenbildung in die bevölkerungsbefragungen einführt und sich so in den globalen olymp der sozialwissenschaften befördert hatte, verweigerte man nach seinem tod das grab auf dem friedhof vor der ehrwürdigen kirche in sigriswil.

einheimische und fremde sind hier zwei getrennte gruppen, dachte ich mir, als ich meinen morgenspaziergang im dorf machte. immerhin, das eine oder andere weicht sich auf! den gast in der tourismusgemeinde hat das hotel bären zuvorkommend bewirtet. und im gemeindegewölbe wird am samstag eine ausstellung eröffnet, die sich der auswanderung der sigriswiler annimmt – ausgerechent in die usa …

stadtwanderer

“Walkable neighbourhoods, urban literacy, cities planned for and by people”, das ist jane’s vision. am ersten mai-wochenende soll man dafür weltweit stadtwandern gehen.


jane jacobs, die begründerin der globalen stadtwanderer-bewegung im portrait.

bis vor kurzem kannte ich die community jane’s walk nicht. dann stiess ich beim twittern auf sie. zwischenzeitlich habe ich mich ein wenig damit beschäftigt – und bin begeistert, teil einer grossen bewegeung zu sein, die es seit 2007 gibt und sich seither munter verbreitet.

denn mit urban literacy kann ich mich voll identifizieren. zu deutsch könne man, sinngemäss, von “bildung durch städte” sprechen, was ich schon seit jahren propagiere.

denn städte sind, mit ihren grundrissen und bauten, mit ihrer kunst und werbung, ja mir ihren gesellschaften und individuen, einmalige stätten der bildung. nirgends ist die kulturelle informationsdichte so hoch wie hier. nur muss man lernen, sie zu lesen.

historisch, mit blick auf den schmalen grad zwischen kommender und vergehender gegenwart, ja futuristisch.

zu jane’s vision gehört, dass sie gelebt werden soll. am 5./6. mai 2012 finden weltweit (erneut) die tages des stadtwanderns statt. durch bildungshungrige und teilnehmedurstige, denen es nicht egal ist, wo sie leben, wie ihr leben urban formatiert ist, sondern eingreifen und erzählen wollen.

werde mich beteiligen, an diesem globalen grossereignis!

stadtwanderer

ipod und kopfhörer begleiten einem, wenn man mit bern tourismus (alleine) stadtwandern geht. informativ, abwechslungsreich, auf neuankömmlinge ausgerichtet, und doch nicht einfach nur oberflächliches wie in so manch gedruckten stadtführern, ist meine bilanz.

„station a1“. so etwas hat mich bis jetzt abgeschreckt. eine genau vorgeschriebene route beim stadtwandern durch bern. heute habe ich mich trotzdem auf einen doppelten stadtrundgang mit bern tourismus eingelassen – durchaus mit gewinn!

jeder spaziergang hat rund 15 stationen. variante a geht vom bahnhof durch die altstadt zum alten tramdepot, und variante b macht das gleich umgekehrt, meist mit anderen haltestellen.

zwei stunden braucht man für einen weg – und man wir nicht enttäuscht. uu sehen bekommt man das politische bern, beispielsweise mit bundeshaus, rathaus und erlacherhof, aber auch das repräsentative bern mit zytglogge, kaiserhaus und kornhaus. selbstredend fehlen die diversen brunnenanlagen nicht, genauso wenig wie der bärengraben und der bärenpark.

besonders gut gefallen haben mir die einleitenden worte zum bahnhofplatz, dem treffpunkt des traditionellen und modernen berns. für das erste sehen die heiliggeistkirche und das burgerspital, quasi die ost-west-achse, für das zweite der bahnhof und der baldachin, die nordsüdachse, die ihren schnittpunkt mitten auf dem bahnhofplatz haben. Das macht einem gleich zu beginn klar, dass man in berns altstadt vor allem der vergangenheit begegnen, aber auch der gegenwart.

pinggelig will ich nicht sein, aber einige fehler bin ich gestossen. so war die schlacht von novara 1513, nicht 1521, denn die berner, die mit dem bären aus oberitalien zurückkehrten, machten das vor der entscheidung in marignano und nicht danach. Der berner grosse rat tag nicht mittwochs, sondern in sessionen. streiten kann man sich auch, ob die vier männer unterhalb der justitia auf dem gleichnamigen brunnen repräsentieren nach neuer lehrmeinung nicht mehr papst, kaiser, sultan und schultheiss, denn dieser befand sich, bei aller hochachtung nicht in dieser liga; vielmehr stellt die figur den deutschen könig dar, in vielerlei hinsicht der rechtsgarant im bern des 16. jahrhunderts. Streiten kann man sich, ob das bundeshaus der regierungssitz ist. im engeren sinne stimmt das nicht, denn nur der national- und ständerat, und seine organe wie die fraktionen sind da beheimatet; der bundesrat hat seinen sitz fast seit anbeginn im bundesratshaus (heute bundeshaus west genannt), das nur im übertragenen sinne zum bundeshaus resp. bundeshaus-komplex gehört.

das tut den führungen aber keinen abbruch, denn man erfährt dafür viel über stadtplanung (ältestes bewässerungssystem in einer mittelalterlichen stadt), gebäudearchitektur (variable fensterzahl und höhe an der marktgasse, welche die vielfalt in der einheit sichern) und ehemalige stadtmauern (die beispielsweise das heute café fédéral beherbergen). auch die umgebung mit dem gurten, den alpen und der aare als lebens- und aussichtsräume kommt nicht zu kurz. erklärt bekommt man auch wichtige symbole an zentralen gebäuden, wie die figuren an der fassade des bundeshauses, aber an der des rathauses. da ist schon mal von weisheit, mut und kraft die rede, genauso wie von der wahrheit und der lüge in der politik. ja, selber vom wirtschaftlichen und kulturellen leben im traditionsreichen marktort, aber auch kirchenplatz bekommt man das wichtigste mit auf den weg.

der ist so abgesteckt, dass man nichts verfehlen kann, sicher durch das stadtgewussel kommt, und auch ein wenig müde wird dabei. immerhin, die grossen herausforderungen wie der mehrhundert treppentritte auf den münsterturm werden ausgelassen, ebenso der spaziergang von der stadt runter in die matte. wem der standardweg nicht genug ist, der kann exkurse an die uni, auf die schosshalde, einmal durch das münster oder hinauf in den zytgloggenturm anhängen.

als ich ipod und kopfhörer zurückbringe, werde ich freundlich nach meinen eindrücken gefragt. gerne geben sich sie auch hier weiter: informativ, abwechslungsreich, auf neuankömmlinge ausgerichtet, und doch nicht einfach nur oberflächliches wie in manch gedruckten stadtführern.

stadtwanderer

“In seinem Stadtwandererblog, den die Hauptstadtzeitung übernimmt, um neben lauter Zürcher Kolumnen eine Berner Stimme zu haben, mokiert sich der 83-jährige Politanalyst und Bern-Flüsterer Claude Longchamp über den chancenlosen Vorstoss von Stadtberner Grossräten, die einen Halbkanton Bern-Stadt gründen wollen.” wir wahr, was die bernerzeitung (tamedia-verlag, zürich), heute schreibt. ihr einziger irrtum: sie meint, das sei erst 2040 der fall. dabei …

ein wenig stolz bin ich schon. denn zum dritten mal bin ich bestandteil der berner zukunftsgeschichten, welche die bz in unregelmässigen abständen bringt. diesmal gibt es allerdings weder etwas zu erklären, noch zu deuten.

denn die diagnose im dritten szenario (im online-begleittext etwas irrführend als zweites szenario bezeichnet) ist rabenschwarz. burgdorf, die stolze zähringerstadt, die 2012 ihren fachhochschulstandort aufwerten konnte, kam nicht von fleck. denn der fachhochschulcampus biel/bienne verursachte massive kostenüberschreitungen; burgdorf musste warten. überhaupt das ganze konzept scheiterte an den studierenden, die sich mit den verzettelten standorten nicht anfreunden konnten. schliesslich musste sich biel/bienne der fachhochschule nordwestschweiz anschliessen. burgdorf verkam zu schlafstadt. selbst willy michel von der medizinaltechnikfirma ypsomed mochte nicht mehr, verlegte seinen eigenen standort ins steuergünstige obwalden – und sein gertsch-museum musste der kanton übernehmen.

so geht es im ganzen rückbklick schritt für schritt weiter. eine der hauptursachen: die volksabstimmung über zwangsfusionen scheiterte 2012. 2028 kam es noch dicker: auch ursina schwarz, die gemeindepräsidentin von köniz scheiterte mit ihrem fusionsprojekt von bern und köniz zu gross-bern – und wurde abgewählt. sie zügelte in die hauptstadt, wo sie zur neuen stadtpräsidentin gewählt wurde. jedoch: bern und köniz polititiseren seither rücken an rücken. dazu gehört, dass köniz, ostermundigen, ittigen, muri und zollikofen eigene wirtschaftsförderer angestellt habe. erfolgreich sind nicht, indem sie den gemeinsamen standort fördern, sondern indem sie sich gegenseitig die letzten firmen abjagen.

bern muss prunktstück für prunkstück aufgeben: das paul klee zentrum und das kunstmuseum müssen aus spargründen fusionieren. doch aus dem plan, aus dem klee- und ein kongresszentrum zu machen, wird nichts. der erbschaftsvertrag sieht vor, dass eine kommerzielle nutzung der gebäude ausgeschlossen wird. nur die juristen haben daran ihre freude. nicht besser geht es anderen kulturplätzen: das kornhaus ist dunkel, seit es niemanden mehr beherbergt, im stadttheater gibt man stücke zum besten, die man vorher schon in zürich gesehen hat, und aus der markthalle, zu beginn des jahrhunderts das epizentrum des ausgangs in bern, ist eine aldi-filiale geworden. da mag nicht einmal mehr die srg in bern bleiben. das radiostudio hat sie aus der hauptstadt abgezogen, irgend wohin …

nein, meine sehr verehrten stadtwandererInnen, dieses szenario macht gar keine freude!!!

so schrecklich es ist, es nimmt eine entwicklung berns aus den 90er jahren auf, als die stadt den trend zur neuen urbanität zu verpassen schien. die wirtschaft serbelte, die bevölkerungszahlen stagnierten. das kulturelle leben verarmte. rund herum begannen städte aufzublühen, freiburg zum beispiel, inspiert vom arc lémanique, aber auch luzern, dem magneten für die innerschweiz. ungemacht zeichnete sich auch im weiteren umfeld ab. zürich, genf, ja auch basel mauserten sich zu metropolen in metropolitanregionen, mit internationaler vernetzung, neuen wirtschaftszweigen und bevölkerungswachstum.

gott sei dank, füge ich bei, wurde die missliche lage noch rechtzeitig erkannt. die hauptstadtregion ist am entstehen. nun wächst auch bern wieder, und es drängen sich fragen nach dem stadtausbau an den rändern. schritt für schritt päppelt sich die bundesstadt wieder auf. der vektor stimmt wieder, auch wenn ein wirkliches konzept unverändert fehlt, wie sich bern wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell neu positionieren soll. denn zu vieles hängt davon ab, dass man in verschiedenen agglogemeinden unverändert lieber ins land hinaus schaut, und vertraut, der kanton werde es schon richten, dass es allen besser geht, gerade weil man nicht mit dem zentrum kooperiert.

an berns geschichte schreiben, wäre für mich etwas anderes!

stadtwanderer

in europa ist der historiker john hirst kaum ein begriff. fälschlicherweise, denn der australier hat eine bemerkenswerte geschichte europas geschrieben.

die zahl der geschichtsbücher über europa ist in den letzten 20 jahren rasch angestiegen. mit dem kumulierten wissen hat in der regel auch die seitenzahl der werke zugenommen. dem setzt john hirst eine radikale alternative gegenüber. der der hat die kürzeste geschichte europas geschrieben. auf rund 200 seiten erzählt er sie zuerst in der kürzestens form, dann in der längeren form.

und lacht dabei immer wieder über seine eigenen pointen!

klar, eine ereignisgeschichte bekommt man so nicht. dafür eine kulturgeschichte aus der fremdperspektive. hirsts buch ist aus seinen vorlesungen an der universität melbourne entstanden. 2009 hat er auch englisch vorgelegt, was ihm wichtig erschien, damit die studierenden, vollgepfropft mit einzelheiten aus dem eigenen kontinent, die spuren eines teils ihrer kultur, die aus europa stammt, wiedererkennen.

nun ist das kleine werk auch auf deutsch erschienen, was der verbreitung der einsichten in unseren gegenden sicherlich dienlich sein wird. das grundschema zur europäischen kultur, das hirst entwickelt, ist einfach und erhellend zugleich:

schematische darstellung der europäischen kulturgeschichte nach hirst

geburtsort ist griechenland, dessen gelehrsamkeit von den römern übernommen worden sei. bewahrt worden sei dies in der römisch-christlichen kirche. unterstützt worden sei es von den germanischen kriegern, die sich im zerfallenden römischen reich eingenistet haben.
erschüttert wurde die mittelalterliche welt durch die renaissance, mit der die klassik zum vorbild erhoben wurde. und die reformation habe den anspruch, das christentum sei römisch, gründlich in frage gestellt.
entscheidend sei, was danach geschah: das experiment habe das weltbild der griechen mit der erde im zentrum zum einsturzt gebracht und den wissenschaftlichen durchbrüchen den weg geebnet. zudem mit der aufklärung wurde die kritik an der religion als aberglaube salonfähig.
seither beherrschten, so hirst zwisch grundströmungen das europäische bewusstsein: die vernunft, und mit ihr der allgemeine fortschritt, auf der einen seite, das gefühl, und mit ihm der nationalismus und die kultur auf der anderen seite.

soweit die kurzform der kürzesten geschichte. sie dien hirst, die längeren formen zu entwickeln: die einfälle und eroberungen der germanen, muslime und normannen, die entwicklung der staatsformen, geprägt durch zahlreiche monarchien auf der einen, republiken auf der anderen seite, die lange anhaltende dualität von kaiser und papst, die aus dem zerfall des römischen reiches entstand und etwas neues entstehen liess, die entwicklung der sprachenvielfalt vom romanischen, germanischen zum slawischen und schliesslich die hohe bedeutung des gemeinen volks der bauern, die während langer zeit in tradition verharrte, durch die landwirtschaftlichen und industriellen revolutionen aber in den hintergrund gedrängt wurden.

hirst unternehme, steht im klappentext, “mit viel Wirtz und Blick aufs Wesentliche einen rasanten Ritt durch Europas Geschichte.” das kann man ohne zweifel sagen. denn das buch ist megaspannend, sodass man dem tempo der autors freiwillig folgt (habe es übers wochenende verschlungen). es irritiert, weil es unglaublich viel auslässt, und es überzeugt, weil ein durchgehaltenes ganzes entsteht.

sicher, man kann dem autor vorwerfen, vor allem allem westeuropa, ja das angelsächsische europa vor augen zu haben. gerade daran ist ja in jüngster zeit viel kritisiert worden, beispielsweise dass der islam für die vermittlung der griechischen kultur in mittelalter viel wichtiger war, beispielsweise dass die entwicklungen in nord und süd nach der reformation widersprüchlich verliefen, beispielsweise, dass zwischen ost- und westeuropa erst heute die konvergenzen wieder zunehmen würden, derweil historisch die divergenzen wichtiger waren. das kümmert den autor auffallend wenig. dafür greift er auffallend starke bilder heraus, etwa die ritter als christianisierte krieger, die im gentlemen weiterlebten, etwa die bauern, die ganz gut ohne zeit auskamen, mit grussformen soziale identitäten geform hätten, etwa die sprachen, deren eigenheiten aus den wanderungen, konflikten und assimilierungen heraus entstanden seien. dass man das latein für eine tote sprache hält, bezweifelt hirst mit dem gekonnten satz, dafür leben die leiche munter weiter!

im vergleich zu anderen kulturgeschichten europas überzeugt das buch, weil es nicht alles und jedes auf die griechen und den papst zurückführt, sondern die rivalitäten der gemanen am kampf, die kraft der franzosen mit der vernunft und die fähigkeit der schotten zur pragmatsichen betrachtung für wesentlich hält. denn das sei es, was europa voran getrieben und zur einzigen kultur geformt habe, die sich über die ganze welt ausgebreitet habe.

zu gerne hätte ich es jedoch gehabt, das buch würde nicht im wesentlichen mit der kulturellen entwicklung um 1800 aufhören, sondern es hätte eine fortsetzung bis in die gegenwart gefunden. viel länger wäre die kürzeste geschichte dadurch nicht geworden, wohl aber etwas komplexer, denn der phänomenale aufstieg europa in der neuzeit erfuhr im 20. jahrhundert eine dramatische wende, die wir heute im aufstieg neuer kontinente wie asien erleben, ohne sie wirklich zu verstehen.

stadtwanderer

starker tubak

März 31, 2012 | Leave a Comment

es ist ein starker tubak, den stephan von bergen in der heutigen berner zeitung anzündet. denn er spekuliert über die folgen einer teilung des kantons bern in je einen stadt- und landhalbkanton.

der umstrittene standortentscheid zu den fachhochschulen hallt nach. durchgesetzt haben sich im bernischen grossen rat die interessen biels und burgdorfs, durchgefallen sind die der hauptstadt bern. stephan von bergen, zeitpunkt-redaktor der berner zeitung, nahm das zum anlass, über die folgender einer kantonsteilung nachzudenken. fündig geworden ist er mit seiner absicht bei der wirtschaftsnahen entende bernoise. die propagiert seit 2009 längerem einen kantonsteilung zwischen den 33 agglomerationsgemeinden der stadt einerseits, den übrigen anderseits. entstehen würden so zwei halbkantone, einen bernstadt genannt, einen bernland geheissen.

die anfangsrechnung ist einfach: die agglo bern beherbergt 33 prozent der kantonseinwohner, erbringt aber 55 prozent der kantonalen wirtschaftsleitung. eingepackt in den grossen flächenkanton gibt es einen ressourcentransfer von der stadt aufs land. und: ohne den wäre der halbkanton bernstadt eine blühendes wirtschaftszentrum.

dieser rechnung verschliesst sich nicht einmal andreas rickenbacher, der kantonale volkswirtschaftsdirektor. sein gedankenexperiment: würde man vom münsterturm aus einen gebiet in der grösse des kantons zug ausscheiden, gäbe das eine turbo region mit tiefen steuern und hoher wirtschaftsdynamik.

doch mag der politiker nicht weiter gehen. denn neue kantone zu gründen, stehe quer in der politlandschaft der gegenwart, weiss der regierungsrat. sein credo: mit nationaler unterstützung sei die region bern in der lage, die schwächen des weitläufigen kantons auszuhalten. schläge aus zürich sollte es dafür keine geben, eher zuspruch für die vermittlerrolle der region bern.

die heutige bernerzeitung zitiert das alles wohlwollend, bleibt aber hartnäckig. 1,2 milliarden franken zahle die agglo bern an den übrigen kanton, schreibt sie, die grundlagenarbeit der entende bernoise aus dem jahre 2009 zitierend. die haben schon damals zu einer kontroversen einschätzung geführt. zum beispiel zur frage, was mit dem finanzausgleich des bundes passieren würde. denn der städtischen halbkanton müsste neu bezahlen, derweil der ländliche mehr beanspruchen dürfte.

das beispiel der beiden basel zeigt eine ganz andere dimension des problems auf. funktionale räume, pendlerströme und agglomerationen halten sich nicht an politisch festgelegt grenzen. eine mehr davon zu haben, bedeutet letztlich auch, inskünftig einem problem mehr gegenüber zu stehen, dass dann, wie basel lehrt, mit aufwendigen zweckverbänden, planungsausschüssen und transferzahlungen, eingeebnet werden muss.

so kommt mir beim lesen ein ganz anderer vorschlag: seit neuestem hat die berner uni ein zentrum für regionalökonomie. es wäre eine tolle sache, wenn sich dieses dem thema, das fordert, aber mit bedacht gelöst werden sollte, prioritär annehmen würden. im sinne der hauptstadtregion, des standortes bern und der komplizierten stellung einer mittelgrossen stadt in einem weitläufigen kanton. und: um mehr transparente entscheidungsgrundlagen in der genannten sache zu haben.

denn intransparenz hielt auch das alte bern zusammen, – bis auch dieser tubak angezündet wurde!

stadtwanderer

artikel

das buch verspricht vieles. was es hält, wird sich weisen. denn das unterfangen, “eine geschichte europas in unserer zeit” zuschreiben, ist nicht ohne tücken, dafür mit umso grösserem reiz verbunden. für europäerInnen wie für schweizerInnen.

im vorwort dankt andreas wirsching, der heutige direktor des instituts für zeitgeschichte in münchen seinen früheren historiker-kollegInnen an der uni augsburg. denn ohne ihre intellektuelle unterstütztung wäre es nicht möglich gewesen, das unterfangen zu schreiben: die geschichte euorpas seit dem fall der berlinier mauer.

historiker wirsching wagt das unterfangen – im deutschen sprachraum wohl als erster mit einer systematischen absicht. seine kernfrage lautet: “Wie steht es um die europäische Integration? Wächst Europa zusammen oder bricht es auseinander?”. kein wissenschafter, auch kein experte wisse darauf eine unbestrittene antwort, warnt er gleich zu beginn, um sich selber zu erinnern: kein historiker soll sich übernehmen.

immerhin, wirsching präsentiert den kern einer sinnvollen antwort: es dürfte nur wenige epochen der neueren geschichte gegeben haben, in denen binner zweier jahrzehnte ein solche gewaltiger zuwachs an freiheit zu verzeichnen war wie nach 1989. das treffe nicht nur für die postkommunistischen staaten im osten zu; es gelte auch für den westen, ausgelöst durch den euro, gefolgt vom freien verkehr für waren, dienstleistungen und kapital. erstmals, so der beobachter, zeichne sich ein gemeinsamer erfahrungsraum der europäerInnen ab.

nicht ohne gefahren!, ist der bemerkenswerte nachsatz zur hauptantwort. auch hier: es reiche nicht, auf die politische und sozialen verwerfung im osten zu verweisen. die kulturellen risiken seien auch im westen sichtbar geworden. globalisierung und individualisierung hätten neue formen der kulturellen diversität hervorgebracht, über deren folgen bis heute heftig gestritten werde. denn wie jede freiheit, habe auch die aktuelle ihren preis.

was dann folgt, muss man erst noch verdauen: knapp 500 seiten hat das neueste geschichtsbuch, auf denen die demokratischen revolutionen nach 1989 behandelt werden, wo es um die entwicklungen im östlichen europa geht, das gemeinsame europa als poltisiches projekt behandelt wird, von den herausforderungen der globalisierung die rede ist, bevor es um die kulturelle selbstbesinnung und europäische identität geht. das alles mündet im schlusskapitel, vielsagend mit “krise u n d kovergenz” übertitelt.

ein bild verfolgt der autor für seine leserschaft über alle diese ausführungen hinaus. es kann auch genommen werden, um die aussicht auszuleuchten. denn wirsching ist vom konzept der pfadabhängigkeit von politik überzeugt. probleme, die es zu hauf gäbe, würden ein projekt nicht einfach zu scheitern führen, mahnt er an, sondern zur lösungssuche herausfordern, die auf dem pfad schon einmal eingesetzter werkzeuge gesucht und gefunden werde.

auf gut deutsch: “mehr europa” zu wollen, treibe den prozess der konvergenz europa ebenso an wie die permanente krise. ausser es ereignet sich wieder eine revolution. und auf gut schweizerdeutsch hiesse pfadabhängigkeit dann: selbständig bleiben zu wollen, treibe den prozess der divergenz ebenso an wie die zunehmende vernetzung. ausser …

stadtwanderer

tempi passati

März 29, 2012 | Leave a Comment

auch wenn ich es bisweilen müde bin, das thema auf berns strassen ist gesetzt. am morgen, beim kauf der weltwoche (nur ausgabe dieser woche), spricht mich meine kioskverkäuferin unvermittelt an. den ganzen vormittag geht es so weiter, bis ich über mittag, von einem ehemaligen justizdirektor eines gewichtigen kantons konsultiert werde. einmal mehr interessiert (nur) blocher. und es geht um seine immunität. die souveränität, mit der angriffe zu parieren scheint, und die animosität, die er dabei manchenorts streut.


bild: az medien

“überlebt die svp diese krise?” das ist die mir am häufigsten gestellte frage. und ich habe in der regel die immergleiche antwort parat: “jein”.

zuerst mein “ja”: aus meiner sicht hat sich die svp in den letzten 20 jahren zu der nationalkonservativen partei der schweiz gemausert. wer sich traditionellen werten des landes verbunden fühlt, wer die schweiz als antithese zur eu liebt, der oder die hat nach dem ewr-nein bei der svp eine neue (oder alte) heimat gefunden (oder bewahrt). wie kaum eine andere partei hat die neue svp die konfliktlinie, die sich in den 90er jahren des 20. jahrhunderts auftat, früh analysiert, verstanden, geschürt und für sich zu nutzen gewusst. alles begann mit dem drohenden eu-beitritt, ging dann mit der tabuisierten asylfrage weiter, bis man schliesslich bei der polarität von offener oder geschlossener schweiz ankam. mitgeteilt wurden auf diese weise aber nicht nur themen und positionen, welche viele bürgerInnen auch überfordern. erfolgreich kommuniziert wurden vielmehr die werte der freien, unabhängigen, neutralen schweiz, die sich nicht schämt, gegenüber dem ausland stets den fünfer und das weggli zu verlangen. das alles wirkte gemeinschaftsbildend, das was bürgerlichen wählerInnen früher bei der cvp und der fdp fanden, was sie heute angesichts machtverwaltern im staat und freiheitspredigern aus der teppichetage gerade bei diesen parteien so vermissen. meine prognose hierzu ist: das ändert sich so schnell nicht und deshalb kann die svp auch in zukunft auf ein breites wählerInnen-segment zählen.

und hier mein “nein”: ob die wählerschaft gleich gross bleibt wie 2007, kann man zwischenzeitlich mit fug bezweifeln. denn, so meine analyse, die besonderheit der schweizerischen volkspartei war es, dass sie gleichzeitig nationalkonservativ war und rechtspopulistisch agierte. ersteres ist in der schweiz problemlos als teil der regierung möglich; zweiteres eckt immer wieder und immer mehr an. denn die lautstarke diskreditierung der classe politique war zu beginn vielleicht noch angezeigt. heute scheint alles und jedes enttabuisiert, und was, wie die parteienfinanzierung, noch bleibt, trifft auch die svp. so ist die institutionenkritik zum selbstläufer geworden, die immer nach dem gleichen schema abläuft. lageanalyse, anklage, beschuldigung, beseitigung. auch das polarisierende freund/feind-denken ist an seine grenzen gestossen. nicht jeder linke ist ein kommunist, nicht jeder freisinnig ein weichei und nicht jeder, der für eine wirtschaftlich und politisch offene schweiz plädiert, kann man zum lakaiden der eu abstempeln. umgekehrt: ganz so harmlos ist auch die svp nicht, wenn es um wahlkampffinanzierung geht, wenn sie unliebsame konkurrenten ins visier nimmt, und wenn ihre exponenten ihre macht im mediensystem klammheimlich ausbaut.

und so mein “jein”: seit die synthese der beiden politischen strömungen nciht mehr klappt, ist die kritik an der partei heftig geworden, nicht ohne ihr zu schaden. denn ohne die rechtspopulistische technik wird der sonderfall svp zum europäischen normalfall einer nationalkonervativen rechtspartei. die mobilisierung, ihre stärke bis 2007 und etwas darüber hinaus, will offensichtlich nicht mehr gelingen. ihr themensetting ist heute schwächer denn je, seit gleich mehrere medien verzichten, den populismus der partei als populismus der medien zu multiplizieren. zwar ist es noch nicht soweit wie in genf oder im tessin, wo sich die rechtspopulisten fast dauerhaft ausserhalb der svp organisiren konnten. doch die verbindung zwischen einfachem schwer konservativem mit staatsneigung und rechspopulistischem oppositionellen der sich über alle und jedes empört, zerbröckelt landesweit zusehens – auch ohne ein auffangbecken zu haben. steigende wahlbeteiligung und wahlniederlage für die svp im kanton st.gallen sind ein klares zeichen dafür!

so bleibt die frage, wie hat es die svp mit ihrem übervater christoph blocher? stürzen wird sie ihn nicht, dafür verdanken zu viele gewählte und funktionäre ihre karriere dem grossen manitu. unverändert behalten wird man ihn nicht können. dem zum elder statesman taugt blocher nicht; zum frontkämpfer schon, wenn auch ohne rücksicht auf verluste. so bleibt die prognose: es bleibt die nationalkonservative svp, es vergeht die rechspopulistische.

denn den garant für beides, christoph blocher, wird die svp stück für stück ins zweite glied zurücknehmen müssen. selbst wenn sie ziemlich genau weiss, dass die synthese, von der ich heute auf der strasse und auch hier im blog sprach, ohne ihn nicht mehr möglich sein wird, bleibt ihr kaum mehr eine wahl. denn was sie ohne den übervater anstreben muss, muss sie zwischenzeitlich erst recht mit ihm. eine neue partei zu sein.

für einmal stärkt die vergangenheit die svp der zukunft nicht mehr. tempi passati!

stadtwanderer

bären, signau: unser morgendlicher sonntagsausflug führt uns ins emmental. verbunden mit ausgiebiger zeitungslektüre – und einem kleinen ärger.

eigentlich wollten wir auf der moosegg innehalten; doch ein frühstück ohne vorbestellung war im restaurant mit bester aussicht nicht zu bekommen. so fuhren wir wieder hinunter, ins emmental, wo der bären in signau einladend auf uns wartete. das improvisiert zubereitete déjeuner übertraf die hungrige erwartungen bei weitem.

nach dem essen geht’s hinter die sonntagszeitung. die mit eben diesem namen findet meine aufmerksamkeit. michael hermann, der umtriebige politgeograf der uni zürich, hat die schweizer gemeinden nach den nationalratswahlen 2011 neu vermessen. le locle ist die linkeste unter allen, röthenbach, gleich ennet dem bergzug im emmental, die rechteste.

ueberhaupt falle ein unterschied zwischen den sprachregionen auf, schreibt soz-autor balz spörri. belege findet er auch in bfs-statistiken: die linke ist in der romandie 11 prozent stärker, die svp in der deutschsprachigen schweiz 9 prozent, jeweils im vergleich zum andern landesteil.

bis hierher finde ich das alles noch ganz in ordnung, wenn auch schematisiert. was indes danach kommt, ist legendenbildung à la zurichoise: gründe für die extreme heute sieht die sonntagszeitung in der geschichte, der republikanischen tradition der romands einerseits, den freiwilligen zusammenschlüssen zu eigenverantwortlichen gruppen in der deutschsprachigen schweiz anderseits.

das ist, sorry liebe sonntagszeitung, mumpitz. denn le locle wie auch röthenbach haben lange zeit eine durchaus vergleichbare geschichte. röthenbach war vor 1000 jahren eine adelige niederlassung, ein priorat des mächtigen burgundischen klosters in cluny, derweil die anfänge von le locle zum den weltliche herren von valangin gehörten. röthenbach war nie eine versammlung freier bauern, sondern bald schon ein amt der herren von signau, das seit dem 15. jahrhundert konstant unter bernischer verwaltungstradition steht. le locle wiederum kennt keine so gradlinige geschichte, kommt zuerst zu neuenburg, dann zu preussen, schliesslich zu frankreich. vorher kann man im jura-ort das wort republik nicht buchstabieren.

seit 1815 sind le locle wie roethenbach teil der schweizerischen eidgenossenschaft. nun erst beginnt sich ihr weg zu unterscheiden. röthenbach ist und bleibt agrarisch geprägt. man lebt von der landwirtschaft, bis heute, ergänzt durch das gewerbe, das ihr nahesteht. schon mitte des 19. Jahrhunderts ist man mit knapp 2000 einwohnerInnen auf dem höhepunkt. seither dominiert die abwanderung. wer bleibt, sehnt sich nach alten zeiten, traditionellen werten, findet sie bei der svp aufgehoben, wenn man vor allem rechnet, bei der edu, wenn man über alles hinaus hofft. le locle dagegen wird im 19. jahrhundert industriell. namentlich die uhrenmacher werden hier heimisch. demografisch wächst man, bis die einwohnerschaft 1967 die 15000er marke überschreitet. erst die die uhrenkrise der 70er jahre im 20. jahrhundert bringt die wende im wachstum, gefolgt von der tiefen wirtschaftskrise. die verbliebene soziologische struktur spricht für linke wahlentscheidungen, die – eine spezialität von le locle – nicht die sozialdemokraten, sondern die kommunisten begünstigt. bis heute stellt die pda die mehrheit der 5 mitglieder in der stadtregierung.

dass urbane gebiete linker wählen als rurale, hat nichts mit dem immer wieder bemühten röstigraben zu tun. denn der befund gilt sowohl in der französisch- wie auch in der deutschsprachigen schweiz. verschärft wird er macherorts, weil die bürgerlichen wählerschaften aufs land abgezogen sind, und von den agglomerationsgemeinden ihr rechtes steuer-powerplay gegen die linken kernstädte spielen.

wenn man den sprachengraben bemühen will, dann eher umgekhert: dass die ländlichen gebiete schwer konservativ sind und rechts stehen, ist eine eigenheit vieler regionen in der deutschsprachigen schweiz geworden, namentlich der strukturschwachen gebiete, die sich abkapseln und jede förderung der städte als zugänge zu internationalen ressourcen zu verhindern suchen. das gibt es in der form in der romandie nicht gleich stark, was die unterschiede ausmacht.

da sind wir ganz froh, im bären in signau, auf eine offensichtliche ausnahme auch im deutschsprachigen landesteil gestossen zu sein. denn wir haben gefunden, was wir suchten, und wir wurden von daria de marchi und maurice mergen warmherzig bewirtet. wir empfehlen den ort und das restaurant uneingeschränkt weiter.

stadtwanderer

nun auch zwitschern

März 21, 2012 | 1 Comment

seit gestern bin ich auf twitter. 111 follower hatte ich heute morgen schon. über chancen und risiken.

das unheil zeichnet sich ungefähr 2009 ab. die diskussionen auf den blogs gingen zurück. die hinweise auf spannende websiten, aber auch kontroversen um sachfragen verlagerten sich in die neueren neuen medien. wer botschaften platzieren wollte, wandte sich facebook zu, hinweise machen wollte, nahm sich twitter an.

ich war eher skepktisch, widersetzte mich dem neuen trend zunächst. denn ich dachte, das alles werde zur argen verkürzung für inhalte. ganz unrecht hatte ich damit nicht, aber in einem punkt täuschte ich mich: die kommentierfreudigkeit auf den blog entwickelte sich schritt für schritt weiter zurück. auch hier.

48 prozent der schweizerInnen haben ein iphone, habe ich gestern gelesen. seit anfang jahr gehöre auch ich zur baldigen mehrheit. in der zwischenzeit habe ich begriffen, was stärken und schwächen des streicheltelefons sind: die klassische internetnutzung bleibt eingeschränkt; der schnelle austausch wird dafür umso einfacher – und spannender.

gestern habe ich, ganz dieser entwicklung folgend, mein twitter-account aktiviert. und wie die post gleich abging! ein tweet, ich würde nun zwitschern, wurde von patrick müller, dem chefredaktor des sonntags, gleich weiter verbreitet. ohne verzug begann mein iphone zu rattern. ich hab für die promotion zu danken.

denn heute morgen hatte ich bereits 111 follower, obwohl ich eine ausgesprochen ruhe nacht hatte. natürlich bin ich überwältigt. und auch ein wenig erschrocken, denn die rasche und hohe zahl an aufmerksamkeit ist auch eine herausforderung.

werde ab sofort tweeten, wenn ich aktiv bin als blogger (und auch anderswie). verfolgen können sie mich unter meinem konto @claudelongchamp auf www.twitter.com.

stadtwanderer

ps: leider war der account stadtwanderer schon besetzt …
wer

därstetten, simmental, kanton bern: 7. polittreff der lokalen svp zum thema “wohin treibt die schweiz”. mit zwei promis auf der bühne: roger köppel und claude longchamp.


uebernahmeverhandlungen auf der därstetter bühne (bild: simmentalerzeitung)

gerufen hatte der umtriebige grossrat thomas knutti, aus dem bernischen weissenburg. er organisierte zum 7. mal den politischen frühlingsaufbruch im simmental, den polittreff in därstätten. sein thema: “wohin treibt die schweiz?”. gekommen war wohl 150 simmentaler, die meisten svp-mitglieder. vorherrschend waren bauersleute, im publikum hatte es staatsangestellte und verbandsfunktionäre, die männer jeden alters dominierten, die frauen waren (leider) eher die zier.

roger köppel, verleger und chef der weltwoche, der eine referent, sprach von der freiheit. in die berge, dem symbol der unverrückbaren schweiz, ziehe man der freiheit wegen, sagte der st. galler mit wohnsitz in küsnacht, kanton zürich. freiheit vor dem staat seit die triebfeder der bürgerlichen schweiz – aus dem der sonderfall mit volksabstimmungen entstanden sei, der den regierungen sage, wo es lang gehe. anders als in frankreich könnte wir noch unsere meinung sagen, und der regierung den tarif erklären. bedroht werden diese freiheit durch die bürokraten, zur politischen linken, in der verwaltung, egal ob sie in bern, brüssel oder washington stehe. und vor allem in der nationalbank. deren spitze foutiere sich um moral, spekuliert mit wechselkursen, die sie selber beeinflusse. das gehe nicht! wenn coca-cola einen wettbewerb veranstalte, sei die teilnahme für firmenmitglieder untersagt. was weltweit gelte, mache in den hallen der schweizerischen währungshüter keinen eindruck: doch: die schweiz wolle keine so herausragenden, aber selbstsüchtigen herrscher. sie brauche bürgernähe, milizsystem und volksherrschaft.

selber habe ich mir eine andere aufgabe gestellt: die “schweiz als teil der welt”. dafür steht ja das simmental. in wimmis, am taleingang war, vor 1000 jahren, der aussenposten burgund. deren könige hatten hier einen bauernhof, den alpentransversale durchs simmental interessiert sie. so kam das simmental in kaiserreich, mit lokalen adligen. 1499 machte man sich als teil bernS frei vom reich, 1848 wurde man teil des bundesstaates. die schweiz beruft sich gerne auf einen bedrohlichen feind, das lenke davon ab, dass sie tief gespalten sei. konfessionell, mindestens vormals, sprachlich, noch heute, zwischen stadt und land, seit der öffnung. in den 90er Jahren. konkordanz sei die richtige antwort auf eine solche voraussetzung: proporzwahlrecht, übergrosse regierungen, minderheitenschutz und förderalismus seien zu pfeilern des staats geworden. der jedoch zerfalle, wegen dem grasierenden medienpopulismus und dem egoismus der manager. vielleicht befördere der wirtschaft, einen staat bauen könne man damit nicht. die schweiz sei auf beides angewiesen: wirtschaftlich global, politisch lokal, sei lange ein erfolgsrezept gewesen, drohe heute jedoch zu kippen. hort des roten kreuzes zu sein, reiche nicht mehr, wenn das schweizerische bankgeheimnis weltweit zum problem geworden sei. da brauche es mehr realismus, der uns, mit der fixierung auf den mais im bundeshaus abhanden gekommen sei. selbst liechtenstein sehe da klarer.

das publikum klatsche bei beiden ordentlich. manchmal sah es sich besser porträtiert, manchmal schlechter. auf jeden fall sei die aufmerksamkeit überdurchschnittlich gewesen, rapportierte mir jemand aus dem ok.

die anschliessende podiumsdiskussion verlief phasenweise kontrovers, insgesamt aber gesittet. es ging um die berge, den bundesrat und die medien. damit war ich bei meiner pointe. dem staunenden publikum machte ich kund, noch vor meiner pensionierung die weltwoche kaufen zu wollen. nicht am donnerstag am kiosk, sondern für immer beim jetzigen verleger. bezahlen würde ich das mit den milionen, die ich gemäss wewo verdiene. denn was die weltwoche schreibe sei nicht egal, habe wirkung. momentan mehr zu gunsten den binnenschweiz, hoffentlich bald wieder als stimme der schweiz in der welt.

stadtwanderer

es ist ein schönes geburtstagsgeschenk, das am kommenden freitag auf mich wartet.

nächste woche, genauer genommen am 10. märz 2012, wird dieses blog 6 jahre alt. 1300 und ein paar zerquetschte beiträge zur geschichte, gegenwart und zukunft meiner lebensräume sind physisch und psychisch wandernd entstanden. bisweilen sprudelte es nur so neue posts, dann war es wieder ruhiger. das wetter spielt ein rolle, denn stadtwandern ist eine freiluftveranstaltung. es kommt aber auch auf meine innere verfassung an. denn nur wenn ich inspiriert bin, beobachte ich genauer als sonst, denke ich kreativer als normal und produziere ich beiträge, die es wert sind, verfasst zu werden. schliesslich, und das nicht zu kurz, kommt es auf die themen an, die mich umgeben und die ich aufnehmen und verbal, bildlich und textlich wieder veräussern kann. auch die sind nicht immer gleich einladend.

eine quelle des fragens und antwortens, des entdecken und wiedergebens sind und bleiben meine stadtwanderungen. oft genug für mich allein, bisweilen in begleitung, und immer wieder mit interessierten gruppen. am freitag, dem vorarbeiten des blog-geburis, ist wieder so weit: mit einer gruppe sozialwissenschaftlerInnen, vermittelt vom iri-institut in marburg, gehe durch berns gassen. angesagt ist der klassiker: wie bern zu demokratisiert wurde, wird gezeigt.

selbstredend ist das ja nicht, denn das ancien régime in der staat trug schon mal theokratische züge, wurde lange autokratisch regiert, bevor die demokratie einzug hielt. anders als in den länderorten der alten schweiz, ordnete sich die frühe “demokratisierung” nicht rund um eine landsgemeinde. vielmehr bot die stellung des schultheissen anlass, gemeinschaftlich aktiv zu werden. etappen waren die etablieren eine kleinrates für das tagesgeschäft, eines grossrates würde die leitlinien der politik, ausgedrückt im geld, das die stadt einsetzte. das bestimmte den gang der dinge von der stadtgründung bis 1798. die helvetische republik, der grosse einschnitt, sollte eine gelenkte demokratie bringen, von frankreichs gnaden, die erste dann mit richtigem leben gefüllt wurde, als zu beginn der 1830er jahre die liberalen wirtschaftliche freiheiten für alle verlangten, die radikalen die demokratisierung der gesellschaft anstrebten, wenigstens für die neuen eliten, die sich ab 1848 freisinnige nannten, und die sozialen die ausdehnung des demokratischen gedankens auf arbeiterschaft und frauen beförderten.

das alles ist nicht nur für historisch bewanderte interessant; es entspricht auch einem globalen trend in der gegenwart. die demokratisierung der herrschaft hat, mitunter ihren der schweizerischen eidgenossenschaft, ihren siegeszug angetreten, der heute in über 150 staaten der welt veränderungen gebracht hat. die ist mit dem formalen übergang zur demokratie nicht überall das entstanden, was sich demokratInnen gewünscht haben. so macht das wort der demokratisierung der demokratien die runde: dazu gehört, gerade aus schweizerischer sicht, die frage nach chancen und risiken der direkten demokratie als erweiterung der vorherrschenden, repräsentativen, über die ich gerne mit meinen gästen am 9. märz 2012, aber auch darüber hinaus mit weiteren gruppen, die zwei stunden mit mir durch berns gassen wandern wollen, um sich der politischen veränderungen bewusst zu werden, diskutiere.

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andré holenstein ist reputierter geschichtsprofessor am historischen institut der universität bern. gestern abend hielt er einen bemerkenswerten vortrag im gut besetzten audimax des hauptgebäude. das “bundeshaus als nationaldenkmal” war sein thema. ich war sein interessierter zuhörer – und im stillen auch ein wenig sein kritiker.

da staunten die zuhörerInnen im collegium generale mächtig. historiker holenstein zeigte allen eine fotografie aus dem bundeshaus west mit den grossen zahlen “1308 / 1848″. denn auf der fassade des parlamentsgebäudes liest man die bekannte paarung “1291 / 1848″.
wie es dazu kam erläuterte der spezialist für die ältere schweizergeschichte profund. aegidius tschudi, der glarner humanist, der im 16. jahrhundert die konfessionsspaltung erlebt hatte, prägte unser bild der alten schweiz mit wilhelm tell und dem bösen landvogt, dem burgenbruch und der vertreibung der habsburger durch die freiheitsliebenden hirten und bauern. nur, den beginn der eidgenossenschaft datierte er auf 1308, der zeit als könig albrecht I. von habsburg bei windisch von familienmitgliedern und willigen aus dem niederen adel der umgebung ermordert wurde.
in den 1830er jahren begannen die historiker am wahrheitsgehalt dieser verschriftlichten erzählung zu zweifeln. denn ihre neuen ansprüche an wissenschaftlichkeit verlangte, vergangenheitsrekonstruktion schriftlich belegen zu können. urkunden drängten sich auf. zum beispiel der bundesbrief von 1291. solche “verfassungen” gab es im 13. und 14. jahrhundert jedoch zuhauf, denn sie besiegelten den landfrieden in zeiten, in denen es keinen könig gab, um die rechtsordnung auch ohne höhere würde aufrecht erhalten zu können.

heute glauben wir, war einer der merksätze holensteins, der bundesbrief von 1291 sei das protokoll der verschwörung gegen die habsburger. das sei barer unsinn, lautet sein urteil. denn in unserem heutigen geschichtsbild habe ein amalgam stattgefunden, zwischen der erzählung tschudis mit dem dramatischen aufstand in der innerschweiz, der nicht wirklich belegt sei, und der nüchternen erzählung der rechtssicherung, die nach dem tod von könig rudolf i. von habsburg nötig geworden und belegt sei.
beides sei, im bundeshaus zu als “imagologische bastelei”, einer bildhaften einheit, verschmolzen, beispielsweise in der eingangshalle, wo die drei eidgenossen nicht mehr die schwurhand erheben, um den aufstand zu beschwören, sondern damit den bundesbrief stützten, um die rechtsordnung zu sichern.

der referent machte deutlich, wie der bundeshauskomplex nach 1848 entstand, zuerst als bundesratshaus, dem heutigen bundeshaus west, dann, nach der verfassungsrevision von 1874 für die erweiterten staatszwecke mit dem heutigen bundeshaus ost, und 1902 mit dem neu eröffneten parlamentsgebäude in der mitte. begonnen hat alles in einem eher nüchtern-technischenen renaissance-stil, um dann im monumentalen schlussgebäude theatralisch-künstlerisch aufgebauscht zu enden. das würde der stabilisierung und heroisierung des jungen bundesstaates entsprechen, 1848 aus einem bürgerkrieg hervorgegangen, 1891 zur bürgerlichen festnation verschmolzen.

holenstein zitierte in seinem vortrag auch konservative kritiker des bundesstaates und seiner ideologie, zum beispiel den freiburger aristokraten gonzague de reynold, der noch 1929 zwischen der suisse historique, die sich in der mittelalterlichen altstadt auch in bern manifestiere, und dem suisse théorique, wie sie mit der stadtverschandelung durch das sog. bundeshaus zum ausdruck komme.

das ist wohl typisch, für die schweizer geschichte, die zwei eigenheiten hat. sie ist durch gesellschaftliche brüche wie die reformation oder die helvetische republik geschaffen worden, als mythos, welche über das trennende hinweg das gemeinsame in der vergangheit sucht. die gegenwart blendet sie dabei gerne aus, weil sie konfliktreicher ist als es die anfänge in der geschichte erscheinen lassen. das war auch holenstein verdikt.
indes, ein wenig verfiel auch der geschichtsprofessor diesem muster. gleich zu beginn des vortrages grenze er sich vom titel der vortragsreihe “hauptstädte und ihre funktionen” ab. bern sei gar nicht hauptstadt, sondern bundesstadt, war seine begründung.
nun könnte man lange darüber philosophieren, was richtig ist. auf diesem blog gibt es viele hinweise für das eine, wie auch für das andere. meinerseits vertrete ich ja mehr und mehr die auffassung, dass wir auch heute wie tschudi und die staatsgründer in einer umbruchzeit leben. die hat nicht nur die föderalistische schweiz der alten orte, die 1848 und 1874 in den bundesstaat übergeführt wurden, überholt ist. denn die schweiz von heute ist, mit ihrer weltweiten vernetzung, schon längst ein teil der globalen ökonomie geworden, bestimmt durch international interagierende metropolen wie zürich und genf, vielleicht auch basel, die ihre umländer grenzübergreifen als pendleragglomerationen organsieren, und so, jedenfalls in der staatsvision des bundesamtes für raumplanung, durch eine hauptstadtregion schweiz koordiniert werden sollten. allerdings fehlt dieser neuen funktionalen integration das entsprechende kollektive selbstverständnis (und selbstbewusstsein!).

mit dem bundesstaats von damals hat unser zeit kaum mehr etwas gemeinsames, und mit der den bundesideologie des 19. jahrhunderts, symbolisiert im parlamentsgebäude, ebenfalls nicht.
da muss man sich schon suchen nach neuen erinnerungsorten aufmachen, zum beispiel als

stadtwanderer

der vorwahlkampf zu den berner gemeinderatswahlen wird immer absurder. nicht wegen seines realitätsgehaltes muss man sich damit beschäftigen, doch das fiktionale, das er hervorbringt, lässt ihn zum lehrstück werden, was man nicht machen sollte.

die theorien
wahlkämpfe sind da, die entscheidung der wählerInnen aus der sicht der parteien und den erfordernissen der öffentlichkeit vorzubereiten. so lehre ich es regelmässig in meinen kursen zur politik, zu wahlen und zu politischer kommunikation.
in verschiedenen lehrbüchern ist diese, letztlich politische optik auf wahlkämpfe, mehr und mehr aufgeweicht worden. selbst in standardwerken liesst man zwischenzeitlich, der hauptzweck von kampagnen der akteure sei es, aufmerksamkeit zu generieren, damit sich die meinungsbildung möglichst auf einen selbst focussierte. das ist zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht mehr ganz richtig. denn die aufmerksamkeit ist kein ziel von wahlkämpfen, sondern ein mittel, kontere ich regelmässig. höhepunkt dieses fehlverständnisses war für mich, als in einer wahlanalyse stand, man habe den wahlkampf gewonnen, aber die wahlen verloren.

die praxis
was ich meine, führt uns die wahlkampfvorbereitung der svp der stadt bern seit geraumer zeit fast schon lehrbuchartig vor augen.
da versprach man der bürgerschaft, aus den wahlen der letzten jahre gelernt zu haben. mit der fdp eine gemeinsame sache zu machen. gemässigte kandidatur zu nominieren, und auch parteiunabhängige vorzuschlagen, die stimmen bis in die mitte machen würden. diese präsidialen ankündigung verschafften der svp aufmerksamkeit, sie erhöhten die spannung – mit blick auf die nomination ende februar und die wahlen gegen ende jahr.
allerdings, muss man diese woche definitiv bilanzieren, was dann kam, war nichts als heisse luft.
zuerst die absage von bernd schildger, dem favorisierten nicht-mitglied, der das pro und contra einer kandidatur erwog, im allerletzten moment, wie es scheint, aber absagte.
dann die gerüchte um marc lüthy, der scb-chef, von dem man nicht einmal recht erfuhr, ob er nur zitiert wurde oder ob er als nicht-politisch denkender mensch sich überhaupt gedanken gemacht habe, ins politgeschäft einzustiegen.
und nun die nominationsrace rund sylvia lafranchi, ex-fdp und neo-svp, von der man hört, sie hätte an der vorstandssitzung, von der ehre der anfrage überwältigt, zugesagt, sei jeodch im gespräch mit ihrer familie zum gegenteiligen schluss gekommen – und ziehe sich zurück, nicht nur von dieser wahl, auch von der politik. durchgesickert ist dabei via facebook und sms auch, dass man, seitens der parteispitze, vor der fraglichen sitzung gar kein gespräch mit ihr geführt habe …

meine zwischenbilanz
meine meinung ist, dass sich die svp mit der so generierten aufmerksam einen bärendienst erwiesen hat. zunächst: alles passt ins bild der partei, das so lange strahlte, seit dem letzten oktober aber von dunklen wolken überlagert wird. das hat sich auch mit dem medienverhalten zu tun, aber nicht nur: die svp hat mit dem fall “zuppiger” anlass gegeben, an ihren internen verfahren zu zweifeln; unrühmlich war ihr verhalten auch bei der wahl für die spitze der bundeshausfraktion, wo nathalie rickli ohne die nötige stimmenzahl durchgedrückt wurde. überall schimmern richtungskämpfe durch, wobei man, wenn das verfahren nicht das bringt, was man will, das ergebnisse der wahlen auch torpediereen kann.
sodann: die stadtberner svp hat sich darüber hinaus auch selber geschadet. der eigentlich chef, präsident peter bernasconmi, wollte die listenverbindung mit der fdp, nicht zuletzt, um einen oder zwei sitze in der stadtregierung zu erobern. gemeinsam erschien das eine weile wenigstens möglich, selbst wenn das risiko bestand, dass die svp dabei leer ausgehen würde. die wahren chefs, die beiden vize thomas fuchs und erich hess, machen jedoch eine andere rechnung: demnach schafft die svp mit ihrem eigenen wähleranteil zwar kein dirketmandat, hat aber aussichten, in der restmandatverteilung bedient zu werden. selbstredend bräuchte es dafür keinen gemässigten kandidaten, sondern ein hardliner, und mit aller wahrscheinlichkeit würde dabei die fdp leer ausgehen. so bleibt auch hier: die svp spricht zwar von lehren aus den nationalratswahlen und dem willen zur kooperation, die internen vetoplayer sind aber stark genug, um das zu verhindern.
meine bilanz zur posse in bern lautet: keiner der beiden flügel hat sich durchgesetzt. die nominationschancen von erich hess sind gegen null gesunken, aber auch der plan des präsidenten wurde mehrfach durchkreuzt – und auch die fdp macht sich gedanken, was die zukunft bringen soll.

von der theorie zur praxis und von der praxis zur theorie
das alles haben wir nun schritt für schritt mitverfolgt. denn nichts sichert die aufmerksamkeit der öffentlichkeit so, wie ein parteiinterner knatsch. gemäss werber-definition also alles paletti! gemäss meinem verständnis von (vor)wahlkämpfen noch keinen einzigen beitrag geleistet, für eine geordnete wahl, bei der man die rechten kandidaturen ernsthaft erwägen könnte.

denn was wir bisher miterlebt haben, ist vor allem fiktional, ein spiel mit den wahlen, statt sie für die bürgerInnen so vorzubereiten, dass sie sich alle ansprüche ernsthaft in erwägung ziehen könnten.

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christoph stalder, der vorkämpfer für ein starkes bern, ist tot. er erlag am sonntag einem herzversagen. das meldet die heutige bernerzeitung.

vor knapp einem monat traf ich christoph stalder auf berns strasse. seine augen waren hell, sein schnurbart bestimmt. sportlich wie immer, kam er direkt auf mich zu und meinte, ich hätte meinen mitgliederbeitrag noch nicht bezahlt. stimmt, erwiderte ich, denn ich war rechnungen machen hinten drein. um keine neuen umstände entstehen zu lassen, zückte ich eine 50er note aus dem portemonnaie und übergab sie mitten in bern meinem präsidenten.

ja, christoph stalder war nicht nur aufmerksamer präsident, er war auch die gute seele von “bern neu gründen”.

letztlich war es seine idee gewesen, damals, 2001, als er stadtratspräsident war, lancierte stlder während der traditionellen 1. august feier die idee, bern durch fusionen mit den umliegenden gemeinden neu zu begründen. sein anliegen blieb nicht ohne widersprüche. denn rund herum fürchtete man sich, ob der offensive aus der kernstadt, und auch in der stadt gab es warnungen, mit eingemeindungen würde bern verbürgerlichen.

trotzdem, die idee der agglomerationsstadt gewann zug um zug neue anhängerInnen. der verein mit dem gleichen namen wurde gegründet, und im grossen rat, wo christoph 2002 als vertreter der fdp eingezogen war, setzt sich die gedanke fest, die gemeindestrukturen müssten vereinfacht werden. am besten geschehe dies mit gemeindefusionen – nicht nur bei mittellosen kleinstgemeinden, sondern auch in den zentren. den grösse erlaubt eine bessere steuerung, einen effizienteren mitteleinsatz und die vermeidung von doppelspurigkeiten.

zurecht nannte man christoph stalder auf berns strassen trotzdem nicht den “monsieur fusion”, sondern den “monsieur mobiliar”. denn er verkörperte bei seinem ganzen politischen engagement den mehr und mehr verschwindenden typ des milizpolitikers, der fest im berufsleben stand und sich für die öffentliche sache engagierte. sein arbeitgeber, seit 1977 die mobiliar versicherung, hatte den wert dieser aktivitäten erkannt, und sein direktionsmitglied soweit freigestellt, dass er die politik im betrieb und das unternehmen in der öffentlichkeit vertreten konnte. der berner politik hat es genützt, in vielen projekten, wie dem bärenpark, aber auch bei zahllosen kulturellen initiative.

berns zukunft hat mit dem tod seines unermüdlichen, aber immer respektvollen kämpfers mit einer unvergleichlichen gesinnungsethik einen dämpfer erhalten. dennoch wage ich hier zu prognostizieren: der von christoph stalder ausgelöste prozess ist nicht mehr zu stoppen. und so lebt der liebenswürdige mensch, den engagierte mitbürger und der helle politiker unter uns weiter.

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zugegeben, an das jahr 2030 habe ich auch schon gedacht. dannzumal wäre ich 73. und so hoffe ich in 18 jahren pensioniert und zur ruhe gekommen zu sein. was mich in dieser lebenslage, sollte ich noch leben, umtreiben könnte, was der anlass für die spekulation zu meinem lebensplan. jetzt bin ich gefordert, denn die bz plant mein leben im jahr 2040.

bern ungebremst: eines der vier szenarien, mit denen sich die neue serie der berner zeitung zu bern zukunft beschäftig (bild: bz).

die “berner zeitung“ veröffentlicht ab heute in einer vierteiligen serie. bern im jahre 2040 ist das generelle thema. in der ersten ausgabe glauben die journalisten, dass es den „stadtwanderer“ immer noch geben wird, vom 83jährigen unermüdlichen tv-analysen, blogger und bern-fan claude longchamp betrieben. voilà!

für soviel vorschusslorbeeren an die adresse des bald 6jährigen blogs, betrieben vom bald 55jährigen historiker-politologen schon mal ganz herzlichen dank an stephen von bergen und jürg steiner, die beiden mindestens so unermüdlichen „zeitbild“-redaktoren, die sich im kleinklein der stadt und kantonpolitik gut auskennen, ohne das grossgross aus den augen zu verlieren.

anlass für die serie ist nämich die gegenwart: am nächsten freitag präsentiert der verein hauptstadtregion erstmals konkrete massnahmen, wie bern als politzentrum der schweiz positioniert werden soll. bald schon werden auch die stimmbürgerInnen gefordert sein, denn voraussichtlich in diesem herbst 2012 befinden sie über die möglichkeit systematischer gemeindefusionen. schliesslich stehen in der stadt bern wahlen an: parlament, regierung und präsident werden neu bestimmt, was immer auch ein zukunftsschritt ist.

die optik weit darüber hinaus haben der historiker und geograf in der redaktion der bernerzeitung inform von szenarien, gut deutsch wohl zukünfte berns, entwickelt. die methode wirkt ein wenig utopisch, vielleicht auch idealistisch, ganz sicher platonisch. denn für sie ist bern alles andere als ein stoff, vielmehr eine idee, die weiter zu entwickeln gilt.

vier logisch abgrenzte vorstellungen des kommenden haben sie: alles dreht sich um die frage, ob bern die vielfach diagnostizierte krise meistert oder nicht. in beiden varianten interessieren sie sich für eine krassen und einen gemässigten fall.

„krise frontal“ meint: der kanton fährt an die wand; er gerät unter erheblichen spardruck. der politik gelingt es nicht, zu reagieren – stadt und land blockieren sich gegenseitig. die bevölkerung schrumpft und altert bedenklich. der wohlstand sinkt, die steuerlast steigt. firmen wandern ab. der pessimismus nimmt überhand – der kanton versinkt.

halb so schlimm sieht das szenario „krise gedämpft“ aus, auch wenn der anfang gleich ist. doch gelingt dem kanton der durchbruch, indem er auf die städte setzt, die über raumplanung und gemeindefusionen staatlich gesteuert werden, während die subventionen an das land verringert werden. es erwacht ein neuer glaube an bern, die stimmung steigt insgesamt, wenn auch nicht überall.

besser noch wird es mit der perspektive „boom kontrolliert“. voraussetzung ist der schuldenabbau, denn nur das zieht wieder mehr menschen nach bern. die städte wachsen, fangen so die alterung auf. das belebt die wirtschaft, verlangt aber einen rigorosen sparkurs, um die konjunktur aufrecht erhalten zu können.

sollte der „boom ungebremst“ sein, mindert das den reformdruck. die vielfalt bleibt, die agglomerationen wachsen, der steuerwettbewerb macht senkungen von abgaben an den staat mehrheitsfähig. die stimmung schwankt, denn nicht alle profitieren vom boom: ökonomisch wird der kanton top, ökologisch indessen entwickelt er sich zum flop..
im ersten teil der serie geht um die gebremste krise. das ist wohl das realistischste szenario. ich wette mal, dass die beiden autoren selber mit dem kontrollierten boom liebäugeln. die ankündigung der vier perspektiven lässt das vermuten.

selber lasse ich mich überraschen. und halte es mit imanuel kant, wenn es um unsere zukunft geht. er fragte sich: was können wir wissen? was dürfen wir hoffen? was sollen wir tun? oder anders gesagt: kümmern wir uns zuerst um das reale. dann um das ideale. und schliesslich um das wirkliche, das wir selber schaffen können.

stadtwanderer

18. februar 2012: im kino club findet die vernissage zum film “bärn” statt. in den kleinen lichtspielsälen ist er schon mal gezeigt worden, der auftritt in den grossen soll nun folgen. ich werde mithelfen, den film zu lancieren.

der film “bärn 1191” von daniel bodenmann erzählt die geschichte der stadt, von den anfängen bis heute. der bär, genauer der neue bärenpark, bildet die plattform in der gegenwart für den dokumentarstreifen, der weit ausholt, mit der stadtgründung beginnt, die stadtentwicklung nachzeichnet, und die frage nach der seele berns stellt. diese erkennen die filmer ohne jeden zweifel in der wesensverwandtschaft der einwohnerInnen mit den bären.

das hat nicht nur mit der (eher sprachlich als sachlich begründeten) allusion im namen der stadt zu tun. es ist mehr das ergebnis einer langen symbiose aus bär und mensch, aus bärenmentalitäten und berner lebensgewohnheiten.

lange schläft er, doch wehe, wenn er geweckt wird. dann hat er nichts von seiner wilden kraft verloren, auf wenn er bisweilen eher putzig erscheint. der bär – und wohl auch die stadtbewohnerInnen.

aktuell schlafen die berner bären tatsächlich in den höhlen des bärenparkes. bald aber werden sie geweckt werden, und sich ausgeruht wieder den interessierten zuschauern und einwohnerinnen zeigen. genau das will die vernissage am 18. februar symbolisch vorwegnehmen. indem sie die energie der berner seele weckt und damit berns kraft im zeichen des bären stärkt.

notabene genau an dem tag, an dem der erste energiespender, der stadtgründen berchtold v., im jahres des herren 1218 kinderlos verstarb und die stadt ihrem schicksal überlassen musste. zwischen diesem tag und der jetztzeit werde ich mit meinen geschichten zur stadt und zum bären vermitteln.

bald schon, am übernächsten samstag ab 10 uhr morgens genau gesagt.

stadtwanderer

endlich erwacht die uni bern und merkt sie, ein teil der gesuchten hauptstadtfunktionen sein zu müssen.

europäische universitäten haben ihre vor- und nachteile. zu den nachteilen gehört, zu autonom zu funktionieren. zu ihren vorteilen zählt, gerade deshalb quellen der gesellschaftlichen erneuerung zu sein.

die uni bern hat sich bisher wenig mit ihrem standort auseinander gesetzt. das soll sich aber nachhaltig ändern. das rektorat hat die bedeutung der hochschule für die region jüngst herausgestrichen. ein neuer lehrstuhl für regionalökonomie wurde geschaffen, und unverschiedene disziplinen, von geografie bis betriebswirtschaft beschäftigen sich neuerdings mit chancen und risiken der angedachten hauptstadtregion.

davon zeugt auch das collegium generale im frühjahrssemester 2012. “capital cities”, steht in der ankündigung, spielen eine wichtige rolle für die kulturelle, soziale und politische identität eines landes. sie gelten als schaltzentralen und ihre macht drückt sich nicht nur in ihrem repräsentativen stadtbild aus, sondern auch in der art und weise, wie sich diese städte in nationalen und internationalen netzwerken positionieren. städte wie washington d.c., berlin oder wien stellen sich einem zunehmenden standortwettbewerb und entwickeln strategien, um herausforderungen wie staatlichem wandel und globalisierung zu begegnen.

genau da setzt die vorlesungsreihe ein. neben der allgemeinen relevanz hat sich auch einen lokalen aktualitätsbezug. die bundesstadt bern stellt sich derzeit die frage nach ihrer rolle im schweizerischen städtesystem. stadt, kanton sowie bund diskutieren konzepte und ideen für eine sogenannte hauptstadtregion schweiz. diese diskussion soll mit hintergrundsinformationen bereichert werden. vorgestellt wird der aktuelle forschungsstand zum thema “hauptstädte”, und den hörerInnen soll so möglichkeiten der eigenen meinungsbildung geboten werden.

es werden politiker, spitzenbeamtInnen und wissenschafter referieren und debattieren. dabei wird es nicht nur um bern, auch um ottawa, washington und berlin gehen. man darf gespannt sein, denn nebst einigen bekannten gesichtern wie andre holenstein vom historischen institut oder reto steiner vom kpm bern, werden auch neue mit heike mayer vom hiesigen geografischen institut zu sehen sein, und eine reihe von ausländischen referenten, die ausser fachleute niemandem geläufig sind, konnten verpflichtet werden.

mehr zu den ausflügen in geschichte, gegenwart und zukunft, gibt es hier. werde mehrfach zugegen sein.

stadtwanderer

“philosophie” heisst das magazin. populärwissenschaftlich ist es, und seit neuestem gibt es die zeitschrift auch auf deutsch. meine heutige stadtwanderung in der klirrenden kälte hat sie aufzuwärmen geholfen. ein einblick.


“Normen sind restriktiv, Werte sind attraktiv”, formuliert der deutsche sozialphilosoph hans joas in der neuesten ausgabe der zeitschrift “philosophie”. und meint damit, dass normen bestimmt handlungen aus juristischen oder moralischen gründen ausschliessen. sein interesse gilt jedoch den werten. sie zeigen bei bestimmte weise der lebensgestaltung auf, die man womöglich nicht kennt. genau das mache sie zu sinnstiftenden vorbildern.

entscheid, so das argument von joas, ist die subjektive evidenz von werten. damit ist gemeint, dass werte nicht gelehrt, nur vorgelebt werden können. “du musst!”, ist keine werteerziehung, auch nicht, wenn da im lehrplan stehen sollte. denn nur ein lehrer, eine lehrerin, der oder die von etwas überzeugt ist, ist ein vorbild. von werten überzeugt zu sein, heisst auch, dass es eine einsicht in ihr wesen braucht. sie existieren, weil sie sich kollektiv bewährt haben, und sie sind einladungen, weil sie individuelle klärungen bringen, was gut ist.

hans joas, vizepräsident der internationalen soziologenvereinigung und bis vor kurzen professor für kultur- und sozialwissenschaftliche studien an der uni erfurt, vertritt ein entsprechendes bildungsideal. selbstverwirklichung sei das erste ziel. bildung solle den menschen sich auf ziele hin entwickeln lassen, die er für sich selber entdecken und sich selber vorgeben muss. da zeigt er sich in der griechischen philosophie eines aristoteles verhaftet: übergeordnete ziele, etwas von der kirche bestimmt und verordnet, akzeptiert er nicht. denn die aufklärung hat damit aufgeräumt, dass es vorgebene ziele gäbe.

beispielsweise den weg des menschen, der auf bild zielt, das gott von ihm hat. das wiederum vertritt annette schavan, die theologin im gleichen gespräch. sie postuliert, bildung sei, dass der mensch nicht hinter den möglichkeiten, die er habe, zurückbleiben dürfe. und, bildung sei die aufgabe von institutionen, der schule, der hochschule, der berufsschule, für die sich die politik einsetzen, gegebenfalls auch gerade stehen müsse.

schon in ihrer dissertation beschäftigte sich die heutige bildungsministerin deutschlands mit der frage, ob und wie es gelinge, empfindsamkeit für gewissenhaftigkeit zu wecken. und nähert sie sich joas an, denn auch sie setzt dabei auf die erfahrung, die einen lehre, wenn auch nicht die individuelle, so doch die kollektive erfahrung, von der man profitieren könne.

und so überrascht es nicht, wenn das gespräch zwischen den beiden beim thema “leitkultur” kulminiert. für schawan ist es die quelle, aus der sich die gesellschaft speist. zum beispiel, dass der mensch ein herausragende stellung beanprucht, dass die wissenschaft eine relevante quelle des selbstverständnisses von moderner gesellschaft ist, und man durch wissenserwerb einen erkenntniszuwachs habe.

hans joas gibt sich das zurückhaltender. denn leitkultur werde vorschnell mit der idee von europa in verbindung gebracht, ja mit westlicher identität gleich gesetzt. da ziehe er die deutung des deutschen philosophen karl jaspers vor, die 1949 gegeben hatte: demnach leben wir in einer welt koexistierender und hoffentlich auch kooperierender universalismen, gegen die ebenfalls koexistierenden und kooperierenden partikularismen.

durchaus wärmende gedanken, zu meinem wärmenden ingwer-tee, angesichts der kälte von heute, welche die neue populärwissenschaftliche zeitschrift “philosophie” da bietet!

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